Mythos “KIRKLAR CEMİ”

Hier wird der Mythos “Kirklar Cemi”, die im Buch “Buyruk” einer der wichtigsten schriftlichen Quellen im Alevitentum beschrieben. Die Himmlesreise des Propheten Mohammed und die Begegnung im “Kirklar Cemi” mit Imam Ali, wird als die erste Cemzeremonie (Ur-Cem) im Alevitentum dargestellt.

Liebe Canlar!,

es wird erzählt, dass sich folgendes ereignet hat. Der Prophet Muhammed bekam durch den Engel „Gabriel“ überbracht, eine göttliche Botschaft. Er sollte demnach ein Himmelsreise antreten und mit Gott sprechen. Während seiner Himmelsreise begegnete ihm ein Löwe, der den Weg versperrte. Ein großer majestätischer Löwe. Er brüllte und ließ Muhammed nicht durch. Da hörte er eine göttliche Stimme: „Oh Muhammed! Du musst deinen Ring in das Maul des Löwen legen“ Er befolgte diesen Rat. Daraufhin beruhigte sich der Löwe und ließ Muhammed weitergehen.

Er sprach mit Gott und kehrte von seiner Himmelsreise zurück. Auf dem Rückweg sah er ein kuppelartiges Heiligtum, das seine Aufmerksamkeit erregte.

Er ging bis zur Tür. Drinnen unterhielten sich einige Personen. Muhammed klopfte an, um einzutreten. Jemand rief von innen: „Wer bist du? Warum willst du hereinkommen?“ Muhammed antwortete: „Ich bin der Prophet. Lasst mich herein. Ich möchte die schönen Gesichter der Heiligen sehen.“ Von drinnen ertönte es: „Ein Prophet hat in unserer Runde keinen Platz. Geh und sei Prophet deiner Gemeinde!“ Daraufhin ging Muhammed von der Tür fort. Als er weggehen wollte, hörte er die Stimme von Gott. Sie gebot: „Muhammed, geh zu jener Tür!“ Auf dieses Gebot hin ging Muhammed erneut zur Tür und klopfte an. Jemand fragte von innen: „Wer ist da?“ Muhammed antwortete: „Ich bin der Prophet. Lasst mich herein! Ich möchte eure gesegneten Gesichter sehen.“ Von drinnen ertönte es erneut: „Ein Prophet hat in unserer Runde keinen Platz, im Übrigen brauchen wir keinen Propheten.“ Der Gesandte Gottes wandte sich nach diesen Worten ab. Als er sich entfernen wollte, gebot Gott erneut: „Muhammed, kehr um! Wohin gehst du? Geh und öffne jene Tür!“

Der Gesandte Gottes stand wieder vor der Tür. Er drehte den Türknauf. Als von innen eine Stimme erklang: „Wer bist du?“ antwortete er: „Ich bin ein unbedeutender Habenichts, gekommen, um Euch zu sehen. Erlaubt Ihr mir einzutreten?“ In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Von drinnen hieß es:

 Sei gegrüßt! Willkommen, du bringst uns Segen, macht alle Türen auf!“

Er wurde hineingeführt. Dort saßen die vierzig Heiligen versammelt und unterhielten sich. Muhammed sagte: „Die heilige Tür, die Tür der Wohltaten steht offen. Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“ – und trat mit seinem rechten Fuß zuerst ein. Drinnen saßen neununddreißig gläubige Seelen. Muhammed schaute um sich und sah, dass es zweiundzwanzig Männer und siebzehn Frauen waren. Die Gläubigen waren bei seinem Eintritt aufgestanden. Alle boten ihm einen Platz an. Ali war auch in der Versammlung. Muhammed setzte sich neben Ali ohne ihn zu erkennen. Viele Fragen tauchten bei Muhammed auf – wer sind diese Personen? Sie wirken alle gleichrangig, aber wer ist höher, wer niedriger? Obwohl er nicht fragen mochte, hielt er es nicht länger aus.

Wer seid ihr? Wie heißt ihr?“, fragte er. „Wir sind die Vierzig“, antworteten sie. „Wer ist euer Oberer, wer sind die Unteren? Ich habe es nicht erkennen können.“

Wir sind alle gleich, die Unteren sind auch die Oberen, Vierzig für Einen, Einer für Vierzig.“

Aber einer fehlt, wo ist er?“

Das ist Selman, er ist auswärts. Er macht seinen Sammelgang. Aber warum fragst du? Selman ist auch hier, betrachte ihn als anwesend.“

Muhammed bat die Vierzig, ihm dies zu beweisen. Darauf streckte Ali seinen gesegneten Arm aus. Einer der Vierzig sprach die Formel und ritzte Alis Arm mit einem Messer. Alis Arm begann zu bluten. Gleichzeitig bluteten auch die Arme der anderen. In diesem Augenblick drang ein Blutstropfen durch das Fenster und tropfte in ihre Mitte. Das war Blut aus dem Arm Selmans, der auswärts war. Danach verband einer der Vierzig Alis Arm. Das stillte auch die Blutung der anderen. Jetzt kam Selman von seinem Bettelgang zurück. Er hatte eine einzige Weintraube mitgebracht. Die Vierzig legten diese Traube vor Muhammed und sagten:

Oh Diener der Armen, tue einen Dienst und teile diese Traube unter uns auf!“

Muhammed war besorgt und dachte: Sie sind vierzig Personen, und es gibt nur eine einzige Traube, wie kann ich sie aufteilen? In dem Augenblick sprach Gott zu Gabriel: „Unser geliebter Muhammed ist in Not, eile ihm zu Hilfe! Hol aus dem Paradies einen leuchtenden Teller und übergib ihm diesen Teller. Er wird darin die Traube zerdrücken und ihren Saft den Vierzig zu trinken geben.“

Gabriel holte einen leuchtenden Teller aus dem Paradies und kam damit zum Gesandten Gottes. Er brachte ihm Gottes Gruß und legte ihm den Teller hin. „Mach Saft daraus, oh Muhammed“, sagte er.

Die Vierzig beobachteten, was Muhammed wohl mit der Traube machen würde. Plötzlich sahen sie einen leuchtenden Teller vor Muhammed erscheinen. Der Teller leuchtete wie das Licht der Sonne. Muhammed gab einen Tropfen Wasser in den Teller, dann zerdrückte er mit seinem Finger auf dem glänzenden  Teller die Traube zu Saft. Er reichte den Vierzig den Teller. Die Vierzig tranken von diesem Saft. Dann wurden sie alle berauscht wie bei der Schaffung der Menschen. Sie standen von ihren Plätzen auf, sagten „Bei Gott!“ und reichten sich die Hände. Sie begannen den  Semah-Tanz zu tanzen. Muhammed tanzte mit ihnen. Der Tanz fand bei einem göttlichen Licht statt. Während des Tanzes fiel Muhammeds heiliger Turban zu Boden. Er zerfiel in vierzig Streifen. Jeder der Vierzig nahm einen Streifen und machte sich daraus einen Gürtel. Später fragte Muhammed nach ihrem Pir und ihrem Leiter. Sie sagten: „Unser Pir ist ohne Zweifel Ali, der Sahi Merdan. Unser Leiter ist Gabriel, Friede sei mit ihm.“ Nun erst bemerkte Muhammed, dass Ali unter ihnen war. Ali kam auf Muhammed zu.

Er sah  plötzlich etwas, worüber er sich sehr wunderte. Seinen Ring trug Ali bei sich. Erst dann wurde ihm klar, dass der imposante Löwe während seiner Himmelsreise Ali gewesen war. Ali erschien Muhammed in Gestalt eines Löwen. Die Vierzig schlossen sich Muhammed an, verneigten sich vor Ali und wiesen ihm den Weg.“

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