DIE 7 ULU OZANLAR

Die Zahl 7 hat mehrere Bedeutungen im Alevitentum: Die 7 Heiligen der Ehl-i Beyt, die 7 Ebenen der Schöpfung, die 7 Stufen der menschlichen Vervollkommnung – um nur drei Beispiele in der alevitischen Tradition zu nennen. Die 7 Großen Dichter der alevitisch-bektaschitischen Poesietradition reihen sich hier nahtlos ein: Seyyid Nesîmî, Fuzulî, Şah Hatayî, Pir Sultan Abdal, Kul Himmet, Viranî und Yemînî. Wir wissen nicht, wann und wer diese 7 als die wichtigsten Dichter des Alevitentums auswählte, aber sie haben sich in der Liturgie fest verankert – und dass es wieder 7 sind, dürfte kein Zufall sein. Denn die 7 symbolisiert die Vollkommenheit der Schöpfung und die Vervollkommnung des Menschen. Die 7 Großen Dichter sind somit Mittler, die mit ihren Gedichten seit Generationen Alevitinnen und Aleviten den Weg zur menschlichen Vervollkommnung aufzeigten. 7 ist zudem ein Synonym für die Vielheit und Unermesslichkeit: Damit versinnbildlichen die 7 Großen Dichter einen Teil des Ganzen; sie stehen stellvertretend für alle alevitisch-bektaschitischen Dichterinnen und Dichter, die mit ihren Werken das Wissen über das Alevitentum über Jahrhunderte hinweg bis zum heutigen Tag an uns weitergetragen haben.

Seyyid İmâd‘ed-Dîn Nesîmî

(1369 – 1418) war ein Mystiker aus dem heutigen Aserbaidschan, der dem Orden der Hurûfiyye angehörte. Der Terminus „Hurûf“ ist arabisch und ist der Plural von „Harf“ und trägt somit die Bedeutung „Buchstaben“ bzw. die Gnosis der Buchstabenbildung. Die Hurûfiyye, gegründet von Fazlullah Astarabadi (1339 – 1394), war von klaren schiitischen Elementen gekennzeichnet, in denen Imam Ali und den Zwölf Imamen eine überragende Heiligkeit zugesprochen wurde. Nesîmî beschritt einen Ordenspfad, in der Buchstabensymbolik eine außerordentlich große Rolle spielte. Demnach besteht bzw. gründet alles Sein auf göttliche Buchstaben, die sich in vollkommenster Weise im Menschen manifestieren. Trotz seiner Zugehörigkeit zu einem mystischen Orden verstand Nesîmî sich ebenfalls in den Fußstapfen von Hallac-ı Mansûr, der den Ausruf „Ene’l Hak!“ (zu Deutsch: „Ich bin die absolute Wahrheit!“) von neuem verkündete. Von islamischen Pharisäern wurde er aufgrund einer Fetwa zur Exekution verurteilt. So wurde er 1418 in Aleppo (heutiges Syrien) bei lebendigem Leibe gehäutet und somit exekutiert.

Fuzulî

(dessen ungefähre Bedeutung „der Nutzlose“ ist) hatte aserbaidschanische Wurzeln. Den Großteil seines Lebens soll er im heutigen Irak verbracht haben, wo er bei den Mausoleen von Imam Ali (in Necef) und von Imam Hüseyin (in Kerbela) seinen Dienst abgeleistet haben soll. Fuzulî hinterlässt der Nachwelt u.a. das Hadîqatu’s-Su‘adâ (zu Türkisch: „Saadetlere Ermişlerin Bahçesi“, zu Deutsch: „Der Garten der Erkenntnisträger“). Da es vor allem das Martyrium des Prophetenenkel Imam Hüseyin bei Kerbela beinhaltet, wird es jährlich zum Monat Muharrem seitens der Aleviten und Bektaschiten bei Zusammenkünften vorgetragen.

Şah İsmail Hatayî

(1487 – 1526 n. Chr.), auch als Ismail I. bekannt, gründete das Reich der Safawiden, welches die Region des heutigen Iran bis in die Ost-Türkei abdeckte. Die Namensbezeichnung Safawi stammt von dem Name „Safi“ ab. Der Stammbaum von Şah Hatayî geht auf Şeyh Safiyyeddîn Ishak Erdebilî (1212 – 1334) zurück, der Anfang des 14. Jahrhunderts den Sufiorden der Safawiyya gründete. Ihm wird auch ein Sendschreiben namens „Şeyh Safi Buyruğu“ zugeschrieben, welches unter Aleviten eine hohe Bedeutung genießt. Der Begriff „Kızılbaş“ (zu Deutsch: „Rotschopf“) wird u.a. auf das Elitemilitär der Safawiden zurückgeführt: Die safawidischen Soldaten trugen charakteristische rote Kopfbedeckungen. Obwohl Şah Hatayî als Şâh Ismail ein König war, hatte er auch die Persönlichkeit eines Derwischs. Unter dem Synonym Hatayi (zu Deutsch: „Der Fehlerhafte“) verfasste er so genannte „Nefesler“ (zu Deutsch: „Atemzüge“), die für Außenstehende schlichtweg als Gedichte gedeutet werden. In diesen Gedichten wird klar, dass Şah Hatayî ein Befolger des alevitischen Pfades war und dass trotz seines königlichen Wesens, weltliche Güter niemals Einlass in sein Herz fanden. Er verstarb 1524 in Erdebil (heutiges Nord-Iran), wo auch sein Mausoleum errichtet wurde.

Pir Sultan Abdal

(1480 – 1550, Banaz – Sivas) ist wohl der Bekannteste in der Reihe der alevitischen Dichtertradition. Aus einigen seiner Nefesler geht hervor, dass sein eigentlicher Name Koca Haydar, er ursprünglich aus Yemen stammte und ein Nachfahre des Propheten gewesen ist. Der Begriff „Pîr“ ist persisch und bedeutet eigentlich „alter weiser Mann“, was an die Begrifflichkeiten „Şeyh“ (arabisch) oder „Dede“ (türkisch) erinnert, welche ebenfalls dieselbe wortwörtliche Bedeutung haben, jedoch im übertragenen Sinne das Amt einer geistigen Position ausdrücken. „Sultan“ steht für das Herr-Sein über die eigene nieder Triebseele („nefs“), während „Abdal“ (zu Deutsch: „Ersatzleistung“ bzw. „Derjenige, der das Weltliche durch das Geistige ersetzt hat“) der Name einer Derwischbewegung in Anatolien ist. Den Überlieferungen zufolge wurde ein verwitweter einfacher Mann namens Hızır ein Talip (zu Deutsch: „Schüler auf dem alevitischen Ordenspfad“) des Koca Haydar und erfüllte seinen Dienst an dem Dergâh (zu Deutsch: „Konvent“, „Kloster“) im Dorfe Banaz. Eines Tages fragte Hızır seinen Meister in Istanbul an einer hohen Ausbildung teilzunehmen, um später Kraft seines Amtes seinem Volk besser dienen zu können. Pîr Sultan gab ihm die Erlaubnis, prophezeite Hızır jedoch, dass dieser später seinen Meister exekutieren lassen werde. Tatsächlich unterzeichnete Hızır als eingesetzter Pascha hohen Ranges einen Erlass, Pîr Sultan wegen dessen angeblicher geheimer Verbindungen zum Safawiden-Reich zu erhängen.

 

Kul Himmet

lebte im 16. Jahrhundert und stammte aus dem Landkreis Almus in der Provinz Tokat. Laut den Nefesler, die ihm zugeschrieben werden, ist er ein Derwisch des Pîr Sultan Abdal gewesen. Die Natur seiner Dichterkunst erinnert stark an Pîr Sultan Abdal. Nachdem Kul Himmets Meister gehängt wurde, hielt dieser sich mehrere Jahre verdeckt. In der späteren Zeit erschien ein weiterer Dichter, der sich „Kul Himmet Üstadım“ nannte. Dieser Dichter heißt jedoch in Wirklichkeit Sivas`lı İbrahim und darf mit dem eigentlichen Kul Himmet nicht verwechselt werden. Sivas´lı İbrahim hat aus Bewunderung gegenüber Kul Himmet dessen Synonym übernommen und es um „Üstadım“ (zu Deutsch: „mein Meister“) erweitert. Man kann daraus ableiten, dass es sowohl direkte als auch indirekte Schüler der alevitisch-mystischen Dichter gab, die sich als das Erbe ihrer Meister und des alevitischen Weges ansahen, und deshalb die Kontinuierung der Nefesler durch die Übernahme von Synonymen als Ehre ansahen.

Viranî

war ein Vorsteher eines Bektaschi-Konvents in Necef (Irak) beim Mausoleum Imam Alis. Man sagt ihm eine Verbindung zum persischen Şah Abbas I. (1587 – 1628) nach. Viranî (zu Deutsch: „Der Zerrüttete“) spricht in seinen Versen klar über die göttlichen Attribute, die sich in Imam Ali manifestieren. Dieser Dichter, der klar Bezüge zur Hurufiyye hat, hinterlässt einen Divan und eine Risale (zu Deutsch: „Sendschreiben“).

Yemînî

hat im 16. Jahrhundert gelebt und hieß mit tatsächlichen Namen Fazıloğlu Mehmet oder auch anderen Quellen zufolge Ali. In einem Konvent eines Akyazılı İbrahim Dede hat er seinen Dienst geleistet und soll dort den Ordensnamen „Yemînî“ (zu Deutsch im übertragenen Sinne: „Der Rechtmäßige“) erhalten haben. Dieser Dichter, der ebenfalls ein Hafız war, also jemand der den Koran auswendig beherrschte, hinterlässt der literarischen Nachwelt das Faziletname (zu Deutsch: „Das Buch der Tugenden“), welches die Tugenden und Werte des Imam Ali behandelt.

Die Texte wurden von Timuray Boyraz (Bochum) und Deniz Doğan (Solingen) verfasst und von Bülent Korkmaz (Duisburg) gelesen (überprüft).

 

 

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