DAS BUCH “BUYRUK”

Es ist allgemein bekannt, dass die alevitische Theologie, Glaubensinhalte und Kultur über zwei Wege die heutige Zeit erreicht haben. Eines dieser Wege, was auch den erheblichen Teil der alevitischen Kulturtradition ausmacht, ist die mündliche Überlieferung durch die Geistlichen (Dedeler) und Dichter (Ozanlar) in Form von Gesängen (Deyisler) und Gedichten (Nefesler). Der zweite Weg der Glaubens- und Kulturübertragung stellen im Alevitentum die schriftlichen Quellen dar.

Zu den zentralen schriftlichen Quellen im Alevitentum zählt das Buch „Buyruk“ bzw. die Buyruk Texte. Dieses Buch gehört zu den Hauptklassikern der alevitischen Literatur und regelt alle Grundsätze was den Glaubensvollzug anbetrifft. Neben Buyruk gibt es auch weitere Werke, wie z.B. Makalat (Haci Bektas Veli: Philosophie und Wertesystem im Alevitentum), Nech`ül Belaga (Reden und Sprüche von Imam Ali), Velayetnames (Mystische Erzählungen über das Leben und Handlungen von wichtigen Geistlichen), Gedichte und Texte von den sogenannten sieben großen Dichtern (Pir Sultan, Kul Himmet, Sah Ismail Hatayi, Seyyid Nesimi, Fuzuli, Yemini, Virani), die als alevitische Quellen große Bedeutung haben. Die genannten religiösen Texte sind, sowohl unter den alevitischen Geistlichen als auch in letzter Zeit unter Laien weit verbreitet. Aber, was den Buyruk von all den genannten Schriften unterscheidet ist folgendes: Es wird von den Aleviten nach dem heiligen Koran als das zweite heilige Buch angesehen und verehrt. Viele Koranverse werden im Buyruk nach der alevitischen Lehre interpretiert.

Der Begriff „Buyruk“ stammt vom türkischen Wort „buyurmak“ ab und kann mit dem Wort „Gebot“ ins deutsche übersetzt werden. Es gibt mittlerweile auch eine deutsche Ausgabe von Prof. Dr. Fuat Bozkurt, das den Namen „Das Gebot“ trägt. Das Buch „Buyruk“ behandelt die Grundprinzipien der alevitischen Glaubenslehre und-praxis. Es beinhaltet auf der einen Seite die mystischen Erzählungen und auf der anderen Seite fast die gesamten alevitischen Rituale und Bekenntnisse. Auch die meiste alevitische Terminologie stammt aus diesem Hauptwerk.

Buyruk wird unter den Aleviten auch als die innere Satzung des alevitischen Glaubens bezeichnet, dass auf den Grundpfeiler „ Allah-Muhammed-Ali“ basiert. Nach Buyruk-Texten stellt diese Kurzform das alevitische Glaubensbekenntnis dar. Demnach gibt es nur einen Gott (Allah), Hz. Muhammed ist sein Gesandter und Ali sein weiser Freund. In der alevitischen Tradition und Literatur findet die obengenannte Glaubensaussage ihren hoch verdienten Platz.

Man kann auch feststellen, dass die Aleviten durch diese Aussage eine gewisse Position einnehmen, die folgenderweise beschrieben werden kann. Für die Aleviten steht alles in der islamischen Geschichte zur Diskussion, außer der Glaube und die Anerkennung von „Allah- Muhammed – Ali“. Im Buyruk wird diese Kernaussage als der Glaubensweg der Aleviten definiert. Aus diesem Grund behandelt Buyruk alle Glaubensgrundsätze und Rituale in dem Zusammenhang von „Allah-Muhammed-Ali“.

Als Beispiel kann hier die Cem- Zeremonie (Alevitisches Gottesdienst) genannt werden. Der Cem ist die wichtigste Zeremonie, bzw. um genauer zu sagen die Lebensenergie/kraft des alevitischen Glaubens. Jeder Alevit/in  ist sich darüber bewusst, dass es ohne die Cem – Zeremonie kein Alevitentum existieren könnte. Es wird als die Schule des Alevitentums bezeichnet, wo die Wertvorstellungen der Aleviten sich verkörpern. Als eine Bildungsstätte des Lebens hat die Cem-Zeremonie verschieden Funktionen im Laufe seiner Geschichte entwickelt. Sie dient als Ort des Betens und sozialen Friedens (Rizalik / Einvernehmung). Laut Buyruk müssen alle Konflikte im Glaubensweg von „Hak-Muhammed-Ali“ erst beseitigt werden, bevor der eigentliche Gottesdienst beginnt. Das gibt den Gemeindemitgliedern die Möglichkeit, ihre Konflikte konstruktiv auszutragen. Daher konnten die Aleviten im verlaufe ihrer Geschichte eine bemerkenswerte Friedenskultur entwicklen.

Buyruk, ist auch die einzige schriftliche Quelle, wo der sogenannte „Kirklar Cemi“ also der Ur Cem ausführlich beschrieben wird. Das verleiht dem Buyruk eine besondere und entscheidende Rolle im Alevitentum. Sie wird aus diesem Grund als heilig angesehen und hat einen sehr hohen Statuswert. Auch viele andere Komponente (z.B. Musahiplik / Weggemeinschaft) und Rituale des alevitischen Glaubens, haben ihren Ursprung aus dem Buyruk.

Traditionel waren in der Vergangenheit die Buyruk-Texte im Besitz von Dede-Familien (Ocaklar).

Dede´s sind die Geistlichen im alevitischen Glauben, die als Nachkommen von Ehl-i Beyt (Prophetenfamilie) angesehen werden.

Sie genießen von daher große Anerkennung in den alevitischen Gemeinden und leiten auch die Gottesdienste. In dem Kontext hat auch der Besitz der religiösen Texte und die Befähigung zu ihrer Auslegung, den besonderen sozialen Status der Dede`s hervorgehoben.

Die in osmanisch-arabischer Schrift verfassten Bücher wurden zum ersten Mal im Jahr 1958 von Sefer Aytekin auch in lateinischer Schrift veröffentlicht. Nach dieser Veröffentlichung folgten weitere Buyruk – Editionen unterschiedlicher Autoren. Die Ausgabe von Sefer Aytekin gilt allerdings als das originellste und ist weit verbreitet. Durch die Übersetzung in die türkische Sprache ist Buyruk auch den Laien zugänglich geworden und kann von der jüngeren Generation studiert und auch zeitgemäß interpretiert werden. Wenn man das alevitische Glaubenssystem in seinem ganzen Ausmaß verstehen will, muss man sich mit Buyruk auseinandergesetzt haben.

Dipl. Sozialpädagoge – Bülent Korkmaz (Bildungsbeauftragter der AGD – Alevitische Gemeinde Duisburg 2014-2018)

 

 

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